„Nahverkehr ist entscheidend für die Lebensqualität“
NAH.SH-Co-Chefin Birgit Austen
Interview mit NAH.SH-Co-Chefin Birgit Austen
Frau Austen, Sie kommen vom Kiel Institut für Weltwirtschaft, wo Sie im Vorstand für die administrativen und kaufmännischen Angelegenheiten verantwortlich waren. Das IfW ist eine renommierte Forschungseinrichtung, die sich vor allem mit internationalen Wirtschaftsfragen befasst. Von der Wissenschaft zum Nahverkehr: Was bringen Sie mit und was hat Sie an der neuen Aufgabe als kaufmännische Geschäftsführerin bei NAH.SH gereizt?
Ich komme aus einer Organisation, die sehr international, daten- und evidenzbasiert arbeitet. Sie braucht komplexe Abläufe im Hintergrund, damit ihr Kerngeschäft erfolgreich ist, und sie muss flexibel und schnell reagieren. Als administrative Direktorin am Kiel Institut für Weltwirtschaft habe ich gelernt, große Systeme zuverlässig zu steuern, um Exzellenz zu ermöglichen: mit klaren Prozessen, solider Finanzierung und einem Blick für Risiken und Chancen. Auch im Nahverkehr geht es darum, Komplexität zu managen, Stakeholder zusammenzubringen und langfristig tragfähige Lösungen zu entwickeln. Ich sehe da viele Parallelen zur Wissenschaft.
Gereizt an NAH.SH hat mich die unmittelbare Wirkung. Nahverkehr ist für die Menschen jeden Tag spürbar: Er entscheidet über Teilhabe, Erreichbarkeit, Lebensqualität und ist letztlich auch ausschlaggebend für die Attraktivität unseres Landes. Mobilität ist ein Zukunftsthema – ökologisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich.
Was haben Sie sich für das erste Jahr bei NAH.SH vorgenommen und was sind Ihre langfristigen Ziele?
Im ersten Jahr geht es für mich vor allem darum, zuzuhören, zu verstehen und erste wichtige Projekte aufzugleisen: Wie funktionieren die Abläufe wirklich? Wo liegen Engpässe? Welche Erwartungen haben unsere Partner und natürlich auch die Kolleg:innen im Unternehmen? Ich möchte schnell Mehrwert schaffen bei zentralen Themen wie effiziente kaufmännische Prozesse, robuste Planung und Steuerung, Transparenz in Budgets und Ressourcen. Langfristig ist mein Ziel, NAH.SH gemeinsam im Team so weiterzuentwickeln, dass wir die großen Herausforderungen der nächsten Jahre souverän meistern: steigende Anforderungen, Investitionsdruck, Fachkräftemangel, Digitalisierung, KI – bei einem gleichzeitig wachsenden Anspruch an Service, Geschwindigkeit und Qualität.
Sie bilden nicht nur eine Doppelspitze zusammen mit Dr. Arne Beck als Sprecher der NAH.SH-Geschäftsführung, sondern haben auch eine Doppelfunktion inne: Denn Sie sind zudem Vorständin der Landesanstalt Schienenfahrzeuge Schleswig-Holstein (ZUG.SH). Was macht die ZUG.SH eigentlich genau?
Die ZUG.SH finanziert durch die Aufnahme von Darlehen die Beschaffung eigener Schienenfahrzeuge für das Land und vermietet sie an die Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU). Damit ist sie Dienstleisterin an einer zentralen Schnittstelle zwischen dem Land, den EVU, Banken und NAH.SH. Sie trägt so zu geringeren Beschaffungskosten und mehr Wettbewerb auf der Schiene bei. Die Doppelfunktion hat für mich einen besonderen Reiz, weil sie zwei Seiten zusammenbringt: Bei NAH.SH geht es um Verbund- und Systemsteuerung, Finanzplanung und strategische Entwicklung, bei ZUG.SH um die konkrete Fahrzeugperspektive. Beides gehört in der Mobilitätswende eng zusammen.
In dieser los! haben wir das Thema Zukunft in den Fokus gerückt. Was wünschen Sie sich als Kielerin persönlich für die Mobilität der Zukunft?
Mobilität der Zukunft ist nachhaltig, einfach, verlässlich, bezahlbar, inklusiv und ermöglicht Menschen im ganzen Land, auf ein eigenes Auto zu verzichten. Sie ist in Reiseketten gedacht und es gibt kluge Verknüpfungen mit dem Individualverkehr: also ein nachhaltiges Zusammenspiel aus öffentlichem Verkehr, Fahrrad, Sharingangeboten, On-Demand-Verkehren, Park and Ride,, sicheren Umstiegen und guter digitaler Information. Zur Mobilität der Zukunft gehören auch technologische Entwicklungen wie autonomes Fahren und künstliche Intelligenz und letztendlich auch Technologien, die wir noch gar nicht kennen.
Bei Mobilität der Zukunft habe ich natürlich auch Fiktion im Kopf: Beamen, Portschlüssel, autonome, fliegende Vehikel, die auf Knopfdruck jederzeit verfügbar sind und Straßen entbehrlich machen, außerdem Mobilität nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit. Aber erst mal machen wir das Beste aus dem, was wir haben: Mobilität aus Fahrgastperspektive gedacht, die Menschen mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht wird und die Stadt und ländlichen Raum näher zusammenbringt.