May Hansen, 24 Jahre, aus Husum
Ich kenne den Husumer Westfriedhof, seit ich denken kann. Der Spielplatz und mein Kindergarten liegen direkt daneben: die zentralen Orte meiner Kindheit. Oma hat mich oft gebracht und abgeholt und wir sind jedes Mal über den Friedhof gegangen. Wir haben dort pausiert, geredet, den Vögeln zugehört oder Gräber von Verwandten und Freunden besucht. Für mich war dieser Ort nie trist oder traurig, sondern immer ein Ort voller Leben. Als mein Opa 2010 starb, war ich sieben. Oma und ich haben viel Zeit an seinem Grab verbracht. Sie hat dabei immer mit ihm gesprochen – ganz so, als sei er noch da. Für mich war das selbstverständlich. Vor zwei Jahren ist Oma gestorben und liegt jetzt bei ihm. Nun gehe ich ans Grab und rede mit ihnen. Ich erzähle einfach, was so passiert ist und mich bewegt – vom Alltag und von der Arbeit, meinen Sorgen und Freuden und von meinem Hund Cupcake. Den mochte Oma sehr.
Ich bin fast täglich hier und drehe meine Runde mit dem Hund. Man hört so viele Vögel und der Hund ist sowieso die pure Freude. Wenn ich dort sitze und mir die Sonne ins Gesicht scheint, ist das einfach schön. Im Winter ist es anders. Dunkles Grün, Grau, Braun liegt auf allem und die Gräber sind abgedeckt. Dann fällt es auch mir schwerer, herzukommen. Ich selbst spüre oft so ein Wintertief und ich habe das Gefühl, der Friedhof hat das auch. Wenn im Frühling wieder die ersten Maiglöckchen und Krokusse kommen, merke ich, wie die Winterschicht aufbricht. Der Frühling hellt einfach alles auf – auch meine Stimmung.
Für mich ist dieser Friedhof wie ein Refugium, ein Ruhepol im Herzen der Stadt, an dem man einfach mal durchatmen kann. Man ist hier nicht völlig versteckt, sondern sieht immer die Welt um sich herum und bleibt ein Teil von ihr – selbst im Rückzug. Das finde ich gerade so schön. Dieser Ort verbindet einfach viel: meine Kindheit, meine Gegenwart und vermutlich auch meine Zukunft. Denn irgendwann bin wohl auch ich hier. Und mal sehen, wer dann mit mir reden wird.
Nach zwei Semestern Eventmanagement entschied sich May Hansen 2022 für das Handwerk und ließ sich in Tarp zur Bestattungsfachkraft ausbilden. Im letzten Jahr wurde sie Bundessiegerin bei der Deutschen Meisterschaft im Handwerk („German Craft Skills“) der Handwerkskammer im Beruf Bestattungsfachkraft. Von der Siegerprämie finanziert sie gerade ihre Meister- Ausbildung.