Wie Zukunft im Land neu gedacht wird

Viele Menschen erleben unsere Zeit als eine, die verunsichert: Steigende Lebenshaltungskosten, Sorge um den Arbeitsplatz, Veränderungen durch künstliche Intelligenz, Bedrohung der Demokratie, Klimawandel, Kriege und, und, und … Keine Frage, an „bad news“ mangelt es nicht. Aber es gibt eine gute Nachricht: Wir sind nicht machtlos! Jede*r von uns kann etwas tun für eine bessere Welt, in der wir Gemeinsinn fördern und noch nachhaltiger unterwegs sind. Und es gibt Szenarien, Innovationen und schlaue Köpfe, die Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft machen, auch bei uns in Schleswig-Holstein. los! stellt einige wegweisende Projekte vor und spricht mit einem Zukunftswissenschaftler über seine Forschungen.

Autonome Mobilität im Testlabor

Ein Zukunftsprojekt für den ÖPNV in Schleswig-Holstein ist REAKT, an dem unter anderem das Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa (NIT) in Kiel, mehrere wissenschaftliche Partner sowie regionale Akteure aus Verkehr und Planung beteiligt sind. Das Kürzel REAKT steht für „Reaktivierung von Schienenstrecken als Katalysator für Transformation“. Die Forschungsinitiative nutzt stillgelegte Bahnstrecken als „Labor“ für zukunftsfähige, klimafreundliche Mobilität. Im Zentrum steht die Frage, wie autonome, bedarfsgesteuerte Bahnangebote im ländlichen Raum aussehen können – etwa auf der 17 Kilometer langen Strecke Malente – Lütjenburg. Erste Zwischenergebnisse zeigen, dass sich stillgelegte Strecken prinzipiell für innovativen, automatisierten Verkehrsbetrieb eignen und dass durch intelligente Verknüpfung mit Bus, Radverkehr und Sharingangeboten neue, attraktive Angebote im ländlichen Raum entstehen können.

Eine weitere zukunftsweisende Initiative im Land ist Clean Autonomous Public Transport Network (CAPTN), in der rund 50 Partner aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Verwaltung zusammenarbeiten. Herzstück sind autonom fahrende, elektrisch betriebene Fördefähren, die künftig den ÖPNV zwischen dem Kieler Ost- und Westufer entlasten und direkt mit Bus, Bahn und weiteren Angeboten verknüpft werden sollen. Das Ziel: eine saubere, autonome und vernetzte Mobilitätskette zu Land und zu Wasser aufzubauen und ein übertragbares Modell für andere Regionen zu schaffen.

Energie in Schleswig-Holstein 2042

An all diesen Projekten ist die Gesellschaft für Energie und Klimaschutz Schleswig-Holstein GmbH (EKSH) beteiligt. Das gemeinnützige Unternehmen stellt jährlich rund zwei Millionen Euro für pilothafte Vorhaben und Programme bereit. Eines davon ist „Energielandschaften SH 2042“, das die EKSH gemeinsam mit Land, Hochschulen, Energiewirtschaft und einem Beratungsunternehmen für strategische Zukunftsfragen entwickelt. „Anhand verschiedener Szenarien zeigt unsere mehrteilige Studie, wie ein nahezu klimaneutrales Energiesystem im Jahr 2042 aussehen könnte – und was das beispielsweise für Wohnen, Landwirtschaft und Alltag bedeutet“, erklärt Sandra Laffrenzen, Leiterin „Zukünfte & Kommunikation“ bei der EKSH. Neu gedacht wird dabei vor allem die Energieversorgung: Statt auf fossile Großkraftwerke zu setzen, zeigen die Szenarien eine Landschaft aus Windparks, Photovoltaik, Speichern und digitalen Netzen, in der Schleswig-Holstein Strom und Wärme in einem europäischen Verbundsystem bereitstellt. „Diese Szenarien liefern ein Orientierungswissen, aus dem sich langfristige Strategien für Energiepolitik, Energiewirtschaft und Forschung ableiten lassen“, sagt Sandra Laffrenzen

Landwirtschaft von morgen

Sandra Laffrenzen leitet den Bereich „Zukünfte & Kommunikation“ der Gesellschaft für Energie und Klimaschutz Schleswig-Holstein (EKSH)

Die Folgestudie „Landwirtschaften Schleswig-Holstein 2042“ untersucht, wie eine klimaneutrale, zugleich wirtschaftlich tragfähige Landwirtschaft aussehen kann und welche Rolle Bioenergie, Agri-Photovoltaik, humusaufbauende Bewirtschaftung oder regionale Wertschöpfungsketten spielen könnten. Die Szenarien verdeutlichen, wie landwirtschaftliche Betriebe nicht nur Lebensmittel, sondern auch Energie und ökologische Leistungen bereitstellen – etwa durch Kombination von Wind- und Solarflächen mit Naturschutz, Tierwohl und Direktvermarktung. In einem Szenario tritt beispielsweise an die Stelle konventioneller Nutztierhaltung eine ressourcenschonende, günstige und ethisch vertretbare „Clean Meat“-Produktion. Dadurch frei gewordene landwirtschaftliche Flächen können im Sinne des Klimaschutzes renaturiert werden und als Ausflugsziel für nachhaltigen Tourismus oder für Photovoltaik-Anlagen genutzt werden. Ein weiteres Beispiel: die Förderung von „vertikaler Landwirtschaft“. Salat und Gemüse wachsen künftig in die Höhe, und zwar auf hocheffizienten Regalsystemen in urbanen Hallen. Das reduziert den Flächenverbrauch draußen massiv. Auf dem Land entstehen im Gegenzug neue Naturschutzgebiete, wo früher Böden durch Düngemittel, Pestizide und schwere Maschinen strapaziert wurden.

„Diese Szenarien liefern ein Orientierungswissen, aus dem sich langfristige Strategien für Energiepolitik, Energiewirtschaft und Forschung ableiten lassen.“
Sandra Laffrenzen, EKSH

Wie könnte ein klimaneutrales Energiesystem im Jahr 2042 aussehen – und was würde das für unseren Alltag bedeuten?

Smarter wohnen

Im Report „Wohnwelten Schleswig-Holstein 2042“ geht es um energieeffiziente Gebäude, verdichtete Quartiere, intelligente Wärmeversorgung und neue Nachbarschaftsformen. „In den Szenarien berücksichtigen wir demografischen Wandel, Digitalisierung und Klimaanpassung, etwa durch flexible Grundrisse, kurze Wege, bessere ÖPNV-Anbindung und gemeinschaftliche Infrastrukturen wie Quartierswärmenetze oder Mobilitätsstationen“, schildert Projektleiterin Laffrenzen. Könnte also sein, dass wir in einem Mehrfamilienhaus wohnen, in dem Fahrzeuge und technische Geräte allen Bewohner*innen zur Verfügung stehen und smarte Technologien das Ganze steuern und verwalten. Vielleicht ziehen auch immer mehr Menschen aufs Land, weil dort Projekte entstehen, die Wohnen, Arbeit und Mobilität verbinden. Und wird Eigentum in Zukunft wirklich noch das Ziel der Träume sein oder boomen 2042 genossenschaftliche Wohnformen, die das Gemeinschaftsgefühl stärken und auch unsere alternde Gesellschaft besser auffangen? Wenn die Sommer immer heißer werden, helfen in zukünftigen Wohnräumen Lowtech-Lösungen wie natürliche Lüftung und energiearme thermische Bauweisen, die im Sommer die Innenräume kühl halten und im Winter Wärme speichern.

„Das übergeordnete Ziel all dieser Szenarien ist es, aus den verschiedenen Zukunftsbildern Strategien abzuleiten, auf deren Basis Schleswig-Holstein seine Rolle als Energiewendeland weiterentwickeln kann“, so Sandra Laffrenzen von der EKSH. Es gibt sie also, die Ideen und Konzepte für ein nachhaltiges Schleswig-Holstein, die Mut machen und gemeinschaftlich umgesetzt werden könnten. Machen wir uns auf den Weg!

Interview mit Prof. Dr. Ulrich Reinhardt
„Zukunft ist Herkunft“

Prof. Dr. Ulrich Reinhardt ist Wissenschaftlicher Leiter der „Stiftung für Zukunftsfragen“ und Professor für Empirische Zukunftsforschung im Fachbereich Wirtschaft der FH Westküste in Heide sowie Adjunct Professor an der University of North Carolina Wilmington in den USA.

„Wenn man Mobilität, Wohnen und Arbeit zusammendenkt, entsteht ein Möglichkeitsraum, der Klimaschutz fast nebenbei erledigt, weil die Lebensqualität im Vordergrund steht.“

Herr Professor Reinhardt, inwieweit lässt sich Zukunft überhaupt wissenschaftlich erforschen?

Die Zukunft als feststehendes Faktum lässt sich natürlich nicht vorhersagen, denn niemand besitzt eine Glaskugel. Aber wir können Wahrscheinlichkeiten berechnen und Szenarien entwickeln, die auf fundierten Daten basieren. Mein Credo lautet dabei oft: „Zukunft ist Herkunft“, denn viele Entwicklungen von morgen haben ihre Wurzeln in den Entscheidungen und Trends von heute. Wir analysieren in der Stiftung für Zukunftsfragen seit über 45 Jahren langfristige Datenreihen, um nicht zu raten, sondern Muster zu erkennen.

Und was zeigen diese Muster?

Wir wollen Optionen aufzeigen: Wie könnten wir leben und vor allem, wie wollen wir leben? Wissenschaftliche Zukunftsforschung ist also kein Ratespiel, sondern ein Navigationssystem für gesellschaftliche Entscheidungen.

Der öffentliche Nahverkehr gilt vielen als „Rückgrat“ einer klimafreundlichen Mobilität: Welche langfristigen Trends sehen Sie für Bus und Bahn?

Hier müssen wir ganz klar zwischen Stadt und Land unterscheiden. In den städtischen Zentren geht der Trend zur „15-Minuten-Stadt“, in der der eigene Pkw zunehmend unnötig wird, weil alle wichtigen Orte schnell erreichbar sind und der ÖPNV dicht getaktet ist. Auf dem Land hingegen erleben wir eine Renaissance des Bedarfsverkehrs: Starre Busfahrpläne haben ausgedient und werden durch flexible On-Demand-Lösungen ersetzt, die per App bestellt werden. Langfristig wird sich Mobilität vom reinen Besitzdenken lösen hin zu einem „Nutzen statt besitzen“, wobei digitale Plattformen die verschiedenen Verkehrsträger nahtlos verknüpfen.

Welche Mechanismen und Alltagsbarrieren müssen aus Ihrer Sicht durchbrochen werden, um den ÖPNV noch stärker zum Standard zu machen?

Damit der ÖPNV zur echten Alternative wird, darf er nicht nur ökologisch vernünftig sein, er muss auch die emotionalen und praktischen Bedürfnisse befriedigen. Solange die Fahrt mit der Bahn als unsicher, unpünktlich oder kompliziert empfunden wird, bleibt der Mensch ein „Gewohnheitstier“ und steigt ins Auto. Wir müssen Mobilitätsalternativen schaffen, die so bequem und flexibel sind, dass der Verzicht auf das eigene Auto nicht als Einschränkung, sondern als Gewinn an Lebensqualität empfunden wird. Und der ÖPNV der Zukunft muss viel stärker als „sozialer Zubringer“ verstanden werden. Es geht also nicht nur um Transport, sondern um den Zusammenhalt der Gesellschaft. Der Nahverkehr bringt junge und alte Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammen.

Wie „zukunftsbereit“ ist Deutschland – vor allem mit Blick auf hitzig diskutierte Vorschläge wie Tempolimits, Parkraumbewirtschaftung oder eine konsequente Bevorzugung umweltfreundlicher Verkehrsmittel?

Deutschland ist im internationalen Vergleich oft von einer gewissen Skepsis geprägt, die wir als „German Angst“ bezeichnen – ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis, das Risiken gründlich analysiert, aber schnelles Handeln oft hemmt. Dennoch wächst das Bewusstsein, dass „weiter so“ keine Option ist; fast drei Viertel der Bevölkerung sehen Fehler und Scheitern mittlerweile auch als Chance für einen Neuanfang. Die Bereitschaft zur Veränderung ist da, wenn die Politik nicht nur Verbote kommuniziert, sondern eine positive Vision vermittelt, die Sicherheit und ökologischen Fortschritt verbindet. Wir brauchen weniger Angstdiskurs und mehr „German Mut“, um auch unbequeme Maßnahmen als Investition in eine lebenswerte Zukunft zu begreifen.

„Meine Vision ist eine Gesellschaft, in der Mobilität für jeden garantiert ist, aber kaum noch Platz oder Ressourcen verschlingt.“

Wenn Deutschland seine Klima- und Energieziele erreichen will: An welchen Stellen unseres Lebensstils – Wohnen, Arbeiten, Freizeit, Mobilität – sehen Sie die größten Hebel für Veränderung?

Ein gewaltiger Hebel liegt in der Verschmelzung unserer Lebensbereiche, weg von der strikten Trennung von Wohnen und Arbeiten hin zu gemischten Quartieren. Wenn wir das Konzept der „Stadt der kurzen Wege“ ernst nehmen, reduzieren wir automatisch Verkehrsaufkommen und Emissionen, da Arbeitsplatz, Supermarkt und Freizeitorte fußläufig oder per Rad erreichbar sind. Der Inlandstourismus gewinnt durch kurze Anreisewege ökologisch an Bedeutung. Zudem verändert sich unsere Arbeitswelt durch Homeoffice und Digitalisierung so stark, dass das tägliche Pendeln abnimmt, was wir durch den Ausbau digitaler Infrastruktur weiter fördern müssen. Der Schlüssel liegt also in einer intelligenten Raumplanung und Digitalisierung, die Mobilität unnötig macht, statt sie nur anders anzutreiben. Projekte in anderen Ländern zeigen: Wenn man Mobilität, Wohnen und Arbeit zusammendenkt, entsteht ein Möglichkeitsraum, der Klimaschutz fast nebenbei erledigt, weil die Lebensqualität im Vordergrund steht.

Wenn Sie in einem Satz formulieren müssten, woran wir im Jahr 2045 erkennen, dass der Wandel gelungen ist: Wie würde Ihre persönliche Vision aussehen und welche Rolle spielt der ÖPNV darin?

Wir erkennen den gelungenen Wandel daran, dass wir auf den Straßen kaum noch private Pkw sehen, sondern einen fließenden, leisen Mix aus geteilten autonomen Fahrzeugen, Fahrrädern und einem starken ÖPNV, der so selbstverständlich und bequem verfügbar ist wie Strom aus der Steckdose. Meine Vision ist eine Gesellschaft, in der Mobilität für jeden – unabhängig von Alter oder Einkommen – garantiert ist, aber kaum noch Platz oder Ressourcen verschlingt.

Mehr zu Ulrich Reinhardts Forschungsarbeit unter: www.ulrichreinhardt.de