Andi Feldmann, 69 Jahre, aus Ulsnis
Als Andi Feldmann der los! die Pforten zu seiner Werkstatt öffnet, ist das nicht selbstverständlich. Wir dürfen nämlich einen Blick auf das noch geheime Motorradprojekt werfen, das er bald auf seinem YouTube-Kanal @AndisFunktionspunk veröffentlichen wird „und was für den einen oder anderen eine echte Sensation sein dürfte“, wie Andi augenzwinkernd ankündigt. Zurückhaltung ist nicht sein Ding. Bei ihm muss es immer schön nach vorne gehen. Auf dem Weg dahin wird er kräftig unterstützt. Acht weitere Funktionspunks sind es, die regelmäßig bei Andi in der Werkstatt die unzähligen Werkzeuge schwingen. Jeder bringt seine speziellen Fähigkeiten ein – einer kann super schweißen, der Nächste hat Erfahrung mit der Drehbank. Andi ist der Allrounder in der Truppe, die gut miteinander befreundet ist. Er liefert häufig die Designideen. So entsteht oft aus drei verschiedenen Motorrädern ein einziges. „Dabei wird so lange gebastelt, bis das funktioniert. Wir geben auch nicht auf. Das filmen wir. Ich möchte Leute in meinem Alter nämlich animieren, lieber in die Werkstatt zu gehen, als vorm Fernseher mit der Couch zu verwachsen. Und das klappt! Da schreiben die Leute in die YouTube-Kommentare: ‚Mensch Andi, geile Nummer, hab noch ’ne alte Zündapp, die mach ich wieder fit.‘“ Der Funktionspunk inspiriert: Dinge miteinander kombinieren, die eigentlich nicht zusammengehören, die Grenzen des Normalen überschreiten, noch nie Dagewesenes erschaffen. Die Ergebnisse sehen nicht nur beeindruckend stimmig aus, die laufen auch wie am Schnürchen.
„Ohne Werkstatt kann ich nicht leben.“
Die Leidenschaft für die Zweiräder begleitet Andi Feldmann schon sein Leben lang. Die NSU Quickly, auf der er schon zur Schule gefahren ist, hat er heute noch. Sie sieht aus wie neu, so gepflegt ist sie. „Ohne Werkstatt kann ich nicht leben“, sagt Andi Feldmann trocken. Wobei man die Werkstatt aber nicht als Raum mit einer Ansammlung von Werkzeugen verstehen sollte – sie ist seine Form des Ateliers. Andi Feldmann ist ein Künstler, der seinem schöpferischen Drang immer intuitiv folgte, selbst in der Lehrzeit als Heizungsbauer, die später Grundlage der „Werner“-Comics werden sollte, die sein Bruder Rötger nach seiner Erzählung zeichnete. „In der Mittagspause habe ich ständig Schrauben, Nägel und Muttern zu Figuren zusammengeschweißt. Das gab immer ordentlich Mecker vom Meister Röhrich. Meiner Mutter habe ich die dann zum Geburtstag geschenkt. Die Sammlung habe ich heute noch.“
Die Figuren von damals passen in die Vitrine, seine bekannteste Figur würde jede sprengen: der Riese von Ulsnis. Mit seinen sechs Metern Höhe ist er unübersehbar und mittlerweile zum Wahrzeichen der 700-Einwohner-Gemeinde geworden. Demnächst wird er 15 Jahre alt. Dann wird groß gefeiert in Ulsnis, denn der Riese bringt die Menschen zusammen. Eines Tages rief ein Bekannter bei Andi an, ein Busfahrer, der eine Gruppe Senior*innen aus einem Altersheim zum Riesen kutschiert hatte – die wollten mehr über ihn erfahren. Andi kam direkt rum, hielt einen Vortrag, es wurde geklatscht, danach gab es Kaffee und Kuchen für alle. Doch das Projekt ist für den Künstler noch nicht abgeschlossen: In Rieseby fehlt noch ein Riese als Gegenpart zu dem in Ulsnis. Beide verkörpern die Sage, die den Namen der Gemeinde Ulsnis erklärt. Aber das ist eine andere Geschichte …