Susanne Henckel, 61 Jahre, aus Berlin
Ich erinnere mich noch gut an meine erste Begegnung mit dem Kieler Hauptbahnhof. Diese lichtdurchflutete Erhabenheit, die durch das hohe, befensterte Dach entsteht, hat mich sofort begeistert, dazu das maritime Flair durch die gespannten Segel am Ende der Bahnsteige. Und wenn sich schließlich beim Heraustreten auf den Bahnhofsvorplatz rechts der Blick auf die Förde öffnet, ist das schon etwas Besonderes und sehr Seltenes. Das hatte ich so nicht erwartet.
Für mich ist der Bahnhof an sich ein Zauberort. Er steht für das Ankommen und Losfahren, für das Reisen, für Mobilität. Er bringt Menschen zusammen und er bringt sie in Bewegung: in die Ferne oder ein paar Stationen weiter, hin zu Freunden, den Liebsten, zur Familie und allen erdenklichen Abenteuern. Manche steigen ein, andere aus. Es geht in alle Richtungen. Dabei sieht man Menschen mit entspannten, manchmal auch angespannten Gesichtern. Sie suchen nach Zügen und Anschlüssen, nach Bekannten und manchmal auch nur nach einem Kaffee und etwas zu lesen. Und das finde ich faszinierend zu beobachten.
Der Bahnhof ist trotz seiner recht kompakten Ausmaße ein komplexer, vielfältiger Ort im ständigen Wandel. Und auch wenn heute viele Menschen auf dem Weg zum Zug kaum von ihren Handys aufschauen und nur wenig wahrzunehmen scheinen, ist er trotz allem doch ein Ort der Begegnung. Das Café hier zum Beispiel bietet Tassen mit einem besonderen Aufdruck an, der Kommunikationsbereitschaft signalisiert: eine Aufforderung zur Begegnung. Für unsere Gesellschaft, in der Vereinsamung und Vereinzelung große Themen sind, ist das ein wichtiges Zeichen. Das kann eine der Stärken des öffentlichen Personenverkehrs gegenüber dem Individualverkehr sein: unter Menschen zu sein, ihnen zu begegnen, mit ihnen zu sprechen, sie kennenzulernen.
Der Blick in andere Länder zeigt, was Bahnhöfe sein können. In Japan beispielsweise ist die Erdgeschosszone ein kulinarischer Genusstempel. Bahnhöfe dort sind tippitoppi und zentrale Treffpunkte einer Stadt: sicher, attraktiv, qualitätsvoll und sauber. Bahnhöfe zeigen uns, dass Mobilität mehr ist als Fortbewegung. Sie ist ein lebendiger Teil unseres Lebens.
Die diplomierte Stadt- und Verkehrsplanerin Susanne Henckel arbeitet seit letztem Jahr als Staatssekretärin für Verkehr und Arbeit in Schleswig-Holstein. Unter anderem war sie ab 2014 Geschäftsführerin des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB), bevor sie 2022 zur Staatssekretärin im Bundesministerium für Digitales und Verkehr ernannt wurde.